Smartphone und künstliche Intelligenz (KI) verändern die Welt. Und sie revolutionieren das menschliche Miteinander. Welche Risiken und Gefahren liegen in der zunehmenden Digitalisierung der Gesellschaft? Dazu führte P. Klaus Mertes SJ am 3. Mai in St. Canisius ein Gespräch mit dem Neurowissenschaftler Professor Dr. Joachim Bauer, der dazu gerade ein neues Buch veröffentlicht hat: „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“.
In seinem Buch schildert Bauer, welche Auswirkungen die neuen Technologien auf die Menschlichkeit und das soziale Zusammenleben haben. Dabei geht es ihm nicht darum, die digitale Welt zu verteufeln, sondern um einen gesunden Umgang damit. Dafür braucht es vor allem Sensibilität und verantwortungsvolle Eltern, die „wissen, was ihre Kinder in den sozialen Medien machen, wie sie die digitale Welt nutzen“ und sich nicht aus der Verantwortung stehlen. So wie digitale Medien derzeit in vielen Fällen genutzt werden, ist „Jugendschutz quasi“ aufgehoben, erklärte Bauer.
Studien haben gezeigt: Mehr als ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland sind süchtig nach der Nutzung von sozialen Medien. Und 25 Prozent bezeichnen KI bereits als Ansprechpartner für sich. Noch ist KI relativ jung, die Tendenz dürfte steigend sein – mit immensen Gefahren für das Individuum und die Gesellschaft.
Denn wer immer mehr auf KI vertraut, sich seine Hausaufgaben, Seminararbeiten oder seine Herausforderungen im Beruf von Chatbots erledigen lässt, schädigt damit seine kognitiven Fähigkeiten nachhaltig. „Für menschliche Gehirne gilt: Use it or lose it“, so Professor Bauer, „künstliche Intelligenz sorgt dafür, dass wir unser Gehirn nicht mehr genügend nutzen, Reservekapazitäten verkümmern.“ Die Folgen dafür könnten verheerend sein: zum Beispiel in puncto Demenz. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass sich demenzielle Erkrankungen aufschieben lassen, wenn „Reservekapazitäten des Hirns genutzt werden“. Wer darauf freiwillig und kurzfristig aus Bequemlichkeit verzichtet, tut sich und der Gesellschaft damit langfristig keinen Gefallen.
Auch soziale Kontakte sind für ein gesundes Altern notwendig. Echte soziale Kontakte im analogen Leben. „Der Körper ist die Grundlage der Intelligenz“, so Bauer. „Kinder müssen sensomotorische Erfahrungen machen, ihre Welt begreifen, anfassen.“ Und, passend zum Ort der Buchvorstellung, erklärte er: „Auch Jesus ist den Menschen körperlich begegnet, hat sie angefasst“ und ist so in ihr Bewusstsein getreten. „Menschliche Intelligenz ist mehr als Datenverarbeitung, auf die sie durch KI reduziert wird“, so Bauer, menschliche Intelligenz beruhe auch auf dem empathischen Miteinander. „Eine KI, ein Chatbot kann Empathie simulieren, ist aber niemals wirklich empathisch“, denn KI ist niemals mehr als ein Konstrukt aus Daten.
Gegen einen sinnvollen Einsatz von KI, auch das machte Bauer am Ende der anderthalbstündigen Veranstaltung noch einmal deutlich, sei nichts einzuwenden. Da, wo sie zum Beispiel in der Medizin Benefite bringe, sollten ihre Chancen auch genutzt werden. Letztlich ist „KI in der Welt, wir müssen lernen damit umzugehen“, so Bauer, aber auch die Gefahren, die von ihr ausgehen, nicht kleinreden – für den Menschen und die Gesellschaft.
Wie hoch das Thema auch in der katholischen Kirche gehandelt wird, belegt die Tatsache, dass die für den 15. Mai erwartete erste Enzyklika von Papst Leo XIV. einen Fokus auch auf das Thema künstliche Intelligenz legt. Mit dem Veröffentlichungsdatum, so der Vatikan, werde der historische Anspruch „einer groß angelegten Sozialenzyklika unterstrichen“. Papst Leo XIII. hatte 1891 – ebenfalls am 15. Mai – ein erstes Lehrschreiben mit dem Titel „Rerum novarum“ veröffentlicht. Darin setzte er sich erstmals systematisch mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts sowie deren Konsequenzen für Gesellschaft und Moral auseinander.
