Die ignorierten Frauen der Bibel

Am Donnerstag, dem  21. Mai las die katholische Theologin Dr. Annette Jantzen aus ihrem neuen Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel – Was im Gottesdienst nicht gelesen wird“. Sie untersuchte die liturgischen Texte der drei Lesejahre A, B und C und kam zu dem Ergebnis, dass die offizielle katholische Leseordnung (das Lektionar) systematisch biblische Frauengeschichten ausblendet, kürzt oder gar verfälscht.

Gut 30 Zuhörer waren auf Initiative von Nikola Banach aus dem Erzbischöflichen Ordinariat nach Canisius gekommen, zu 90% natürlich Zuhörerinnen! Das im Herder Verlag erschienene Werk verbindet feministische Bibel-Exegese mit einer kritischen Analyse der gottesdienstlichen Liturgie. Das Vorwort wurde von der vom Synodalen Prozess her bekannten Benediktinerin Schwester Philippa Rath verfasst.

A. Jantzen zeigt in ihrem Buch, dass im Alten Testament gut 60 Frauen mit Geschichte vorkommen. In den katholischen Sonntagsgottesdiensten (die der dreijährigen Leseordnung folgen) tauchen davon jedoch im Grunde nur zweieinhalb Frauen auf. Insgesamt wird nur etwa ein Drittel aller biblischen Frauengestalten überhaupt in den Lektionaren erwähnt.

Traurig genug! Hinzu kommt leider noch: Wenn Frauen vorkommen, werden ihre Geschichten in der Liturgie oft an entscheidenden Stellen beschnitten. Das beleuchtete Frau Jantzen im Buch und bei ihrer Lesung am Beispiel Hagars:

Hagars Geschichte, wie sie sich in der Wüste wiederfindet und dort Gottes Engel begegnet, wird im Buch Genesis doppelt erzählt. Sie ist eine versklavte Frau, die von Sara (Abrams Frau) benutzt wird, um Sara Nachkommen zu verschaffen, nachdem die Erfüllung der Verheißung eines Kindes gar zu lange auf sich warten lässt. Hagar wird schwanger und blickt herab auf ihre Herrin. Voller Neid misshandelt Sara Hagar. Diese flüchtet in die Wüste, in der sie eine Gotteserfahrung macht: „Du bist die Gottheit, die mich sieht.“ Hagar nennt Gott bei Gottes Namen. Das Gesehen-Werden wird sie begleiten, auch wenn ihr Weg zurück in die Unterdrückung führt.

„Gesehen zu sein – ist die göttliche Dimension in Hagars Geschichte. Möglicherweise gilt ja nicht nur für Hagar, sondern für alle Menschen in ausweglosen Situationen: Du bist die Gottheit, die mich sieht.“ (Die ignorierten Frauen der Bibel, Seite 50).

Hagars Geschichte ist kein Teil der Sonntags-Leseordnung, sondern wird an Werktagen im Gottesdienst vorgetragen.

Auch die Geschichte von Judith der Witwe und Ruth wurde angesprochen. Die Zeit verging wie im Fluge und machte Lust, dass ganze Buch kennenzulernen.

Im Anschluss an den Vortrag gab es minutenlangen Applaus und eine rege Diskussion. Es kam der Wunsch auf, dass Lektorinnen und Lektoren die Bibelstellen auf Vollständigkeit prüfen  und mit den Pfarrern, Pfarrvikaren und Diakonen absprechen mögen. In Wortgottesdiensten ist es möglich, die Lesart der Texte zu verändern. Bei den eucharistischen Gottesdiensten hingegen nicht.

 Herzlichen Dank für diese Einblicke!

Foto: Herder Verlag
Foto: P. Manfred Hösl SJ
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