Begegnungen, die Kreise ziehen

Beitrag anhören
–:–

Sommerfest des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in St. Canisius

Es war ein Sommerabend, der lange nachwirkte: Am Sonntag, dem 6. September, hatte der Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) zum Sommerfest in die Kirche St. Canisius in Berlin-Charlottenburg eingeladen. Aus einem Gottesdienst, Zeugnissen, Musik und einem anschließenden Get-together wurde ein Abend, an dem vor allem eines spürbar wurde: Begegnung schafft Nähe – und Nähe verändert den Blick aufeinander.

Schon vor Beginn des Gottesdienstes war zu merken, dass viele der Einladung gefolgt waren. Die 200 vorbereiteten Programmhefte reichten nicht aus. Freunde, Unterstützerinnen und Unterstützer des JRS, Menschen aus der Gemeinde, Mitbrüder und Weggefährten füllten die Kirche. Auch Gäste aus anderen JRS-Standorten waren gekommen: P. Markus Inama SJ vom JRS Essen und dem Abuna-Frans-Haus, Br. Dieter Müller SJ, Jana Jergl sowie P. Klaus Väthröder SJ vom JRS Nürnberg und dem dortigen Ukama-Zentrum.

Den Festgottesdienst feierte P. Fabian Retschke SJ. Die Predigt hielt P. Jan Korditschke SJ zu einem Satz aus dem Römerbrief, der auch über dem ganzen Abend stehen konnte: „Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes.“

P. Korditschke nahm dieses Wort zum Anlass, über die Frage nachzudenken, wem unsere Liebe eigentlich gilt. Oft erscheint es selbstverständlich, dass zuerst die eigene Familie, die eigenen Freunde, die eigenen Landsleute kommen – und dass für Menschen, die von außen kommen, vielleicht nur noch etwas übrig bleibt. In seiner Predigt setzte er dieser Vorstellung eine andere Sicht entgegen. Schon das biblische Liebesgebot schließe ausdrücklich auch den Fremden ein: Der Fremde soll wie ein Einheimischer gelten.

Dabei griff er die alte christliche Tradition des „ordo amoris“, der „Ordnung der Liebe“, auf und zeigte, dass sie gerade nicht dazu dient, Liebe an Grenzen enden zu lassen. Augustinus und Thomas von Aquin betonen vielmehr, dass die Gleichheit aller Menschen in der Liebe grundlegend bleibt. Nähe kann beeinflussen, wie wir konkret helfen – sie darf aber niemals zum Grund werden, anderen Menschen die Liebe und Hilfe grundsätzlich zu verweigern.

Besonders eindrücklich wurde das Bild, das P. Korditschke dafür fand: Die Kreise der Liebe sind keine Mauern einer Festung, die andere draußen halten. Sie gleichen vielmehr den Ringen der Wärme um ein Feuer. Ein starkes Feuer wärmt nicht nur diejenigen, die ihm unmittelbar nahe sind, seine Wärme reicht weiter.

Und genau hier wurde die Predigt zur Brücke zu der Arbeit des JRS. Denn Begegnung lässt aus abstrakten Gruppen konkrete Menschen werden. Aus „den Flüchtlingen“ werden Menschen mit einem Namen, einer Geschichte, Hoffnungen und Sorgen. Liebe beginnt, so P. Korditschke, mit der Kommunikation und mit dem wirklichen Kennenlernen. Sie sucht nicht die Wohltätigkeit aus sicherer Entfernung, sondern die Verbindung. Auch die Arbeit des JRS – Beratung, Rechtshilfe, Begleitung und politische Fürsprache – ist in diesem Sinne organisierte Nächstenliebe.

Die vollständige Predigt von P. Jan Korditschke SJ kann hier zum Nachlesen heruntergeladen werden.

Nach dem Gottesdienst bekamen dann diejenigen das Wort, um die es beim JRS im Mittelpunkt geht: Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung.

Edgar aus Georgien erzählte von seinem eigenen Weg und von der Unterstützung, die er durch den JRS erfahren hat. Er sprach seinen Dank für die Begleitung und die konkrete Hilfe aus, die ihm in einer schwierigen Zeit zuteil geworden ist. Besonders berührend war sein Hinweis auf den Einsatz des JRS für seine Mutter und dafür, dass sie in Deutschland bleiben kann. Für Edgar selbst steht in dieser Woche ein wichtiger Schritt an: Er schließt seine Ausbildung ab. Aus einem Menschen, der Unterstützung brauchte, wird zunehmend jemand, der seinen eigenen Weg gehen und seine Zukunft gestalten kann.

Auch N. aus Kenia berichtete. Ihre Geschichte führte in einen ganz anderen Bereich der JRS-Arbeit: das „Offene Atelier“, das als Begegnungs- und Kreativraum für Frauen mit und ohne Migrationshintergrund entstanden ist. Dort ging es nicht um Leistung oder darum, bestimmte sprachliche Voraussetzungen zu erfüllen. Es ging darum, etwas selbst zu gestalten, Neues auszuprobieren, eigene Fähigkeiten zu entdecken und für einen Moment Abstand vom Alltag zu gewinnen. N. erzählte von der Freude, die sie dabei erfahren hat. Eines ihrer Bilder war an diesem Abend sogar in der Kirche ausgestellt – zusammen mit weiteren Arbeiten, die im „Offenen Atelier“ entstanden sind. So wurde sichtbar, was Begegnung bewirken kann: Menschen bringen nicht nur ihre Geschichten und ihre Bedürfnisse mit, sondern auch ihre Kreativität, ihre Fähigkeiten und ihre eigenen Gaben.

Für einen weiteren Höhepunkt sorgten zwei außergewöhnliche Musiker: Ashraf Kateb an der Violine und Mikhail Mordvinov am Klavier. Mit Werken aus der arabischen Musikwelt brachten sie einen besonderen Klang in die Kirche. Auf dem Programm standen unter anderem Stücke von Mustafa Aicha Rahmani, Dia Succari, Ashraf Kateb und Boghos Gelalian. Die Musik schlug dabei eine weitere Brücke zwischen unterschiedlichen Lebensgeschichten und Kulturen. Der syrisch-deutsche Geiger Ashraf Kateb setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, das arabische musikalische Erbe zu bewahren und seine Werke einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.

Und dann ging der Abend einfach weiter – nicht mehr in der Kirche, sondern vor der Kirche. Der JRS hatte zu Wein und Wraps eingeladen, die im JRS vorbereitet worden waren. Inzwischen war es dunkel geworden. Doch gerade jetzt begann der vielleicht wichtigste Teil des Sommerfestes: die Gespräche.

Menschen blieben stehen, saßen zusammen, begegneten sich, erzählten und hörten einander zu. Manche kannten sich schon lange, andere kamen erstmals miteinander ins Gespräch. Die späte Stunde schien dabei keine Rolle zu spielen. Viele blieben trotz des fortgeschrittenen Abends.

Vielleicht war genau das die schönste Illustration zu dem, was P. Korditschke zuvor in seiner Predigt gesagt hatte. Liebe beginnt nicht bei abstrakten Kategorien, sondern dort, wo Menschen einander begegnen. Wo aus dem „Fremden“ ein konkreter Mensch wird. Wo man einen Namen kennt, eine Geschichte hört, gemeinsam lacht oder einfach ein Glas Wein miteinander trinkt. Dann verändern sich die Kreise der Nähe: Sie werden nicht enger, sondern weiter.

So wurde das Sommerfest des JRS zu mehr als einer gelungenen Veranstaltung. Es war ein Abend, an dem Zusammenhalt nicht nur beschworen, sondern erlebt wurde. Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Lebensgeschichten und unterschiedlicher Erfahrungen saßen vor der Kirche zusammen – und waren einander für einige Stunden einfach Nachbarinnen und Nachbarn.

Begegnung ist vielleicht eine der stärksten Formen, in denen Gesellschaft zusammenwächst. Sie lässt Grenzen durchlässiger werden, Vorurteile kleiner und Menschen sichtbarer. Und manchmal braucht es dafür gar nicht viel: eine offene Tür, ein gemeinsames Essen, Musik, ein Bild und vor allem die Bereitschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Der JRS-Abend in St. Canisius hat genau davon erzählt. Und er hat gezeigt, wie stark die Wärme eines Feuers werden kann, wenn immer neue Menschen in seinen Kreis treten.

Der Jesuit Refugee Service (JRS) ist der Flüchtlingsdienst des Jesuitenordens. Seit 1980 steht er an der Seite geflüchteter Menschen, hört ihnen zu und setzt sich mit ihnen gemeinsam für ihre Rechte ein – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Weltweit arbeitet der JRS heute in 57 Ländern. In Deutschland ist der Jesuiten-Flüchtlingsdienst seit 1995 tätig, seine Schwerpunkte sind Seelsorge, Rechtshilfe und politische Fürsprache. Der JRS berät und unterstützt Menschen in unsicheren Aufenthaltssituationen in Berlin, Bayern und Brandenburg. In Essen unterhält er eine Wohngemeinschaft von Geflüchteten und Jesuiten, und in Nürnberg gewährt der JRS Kirchenasyl.

Einen großen Teil seiner Arbeit kann der Jesuiten-Flüchtlingsdienst nur dank Spenden leisten.
Danke, dass Sie diese Arbeit unterstützen.

Fotos: Martina Schneider
×
× ❮ ❯ Vergrößerte Ansicht